Eine Geschichte

von Mirko Bogataj

 

Als ich die Reise in die nichtalltägliche Wirklichkeit des Danielsberges unternahm, fand ich das innere Wissen und fühlte:Schreibe - und schreibe aus dem Herzen heraus!“

 

Du wirst wissen, Margit, dass im Erzählen eine unglaubliche Macht liegt. Manchmal können Menschen von den tiefsten Verletzungen geheilt werden, allein dadurch, dass sie davon berichten. Ich sage dir das aus eigener Erfahrung.

In meiner Tradition weiß man die Macht des Wortes und der Emotionen zu schätzen, weil darin mit Heilung gearbeitet wird.

 

In uns schlummern die Erinnerungen unserer Vorfahren, ihre Leben, Gefühle, Illusionen, ihre Träume, die sie nie verwirklichen konnten, die Enttäuschungen, immense Glücksmomente, Irrtümer, all das ist in uns – auf immer festgehalten. Meine Aufgabe sehe ich darin, wenn möglich, die Erinnerungen zu öffnen, die der Umwandlung bedürfen.

 

Bevor ich dir die Geschichte des Danielsbergs erzähle, möchte ich dir etwas Persönliches sagen, Margit. Das Wichtigste, was ich aus unseren kurzen Begegnungen begriffen habe, besteht darin, dass du keine Schuld an den Verletzungen trägst, die andere Menschen dir zugefügt haben. Es ist nicht dein Fehler, dass du verletzt wurdest, und nicht du solltest deshalb Schuld und Trauer empfinden!

 

Ich ging den Schotterweg zu deinem Haus. Zu meiner Linken wuchs das Kirchlein aus dem Fels. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, das ich auf diesem Weg hatte – es war nicht Nachdenken und auch kein logisches Abwägen, sondern eine tiefe, umfassende Empfindung. Heute würde ich es beschreiben als eine Mischung aus archaischen Energien, die aus einer vergangenen Zeit herrührten, und intensiven kosmischen Kräften, die aber aus der Tiefe kamen.

 

Jahrtausende davor war das Tal darunter heidnisch. Die Menschen glaubten an verschiedene Götter. Die Schicksale dieser Menschen müssen wiedererzählt werden, um auch die Erfahrungen zu deinem neuen Leben zu erwecken, deine Transformationen am Carnut Hof zu Ende zu bringen.  Die Traumata vergangener Generationen leben in ihren Nachkommen fort, dir die alte Geschichte zu erzählen wird vielleicht helfen, die Verletzungen – deine und die des Berges - zu heilen und in deinem Leben auf diesem gesegneten Platz heute etwas Entscheidendes zu ändern.

 

Es ist eher eine Frage der Verantwortung als der Entscheidung. Es ist, als würde dieser Berg mich dazu drängen. Ich weiß, dass ich zu den wenigen Menschen gehöre, die die Geschichten dieses Ortes erzählen können, und ich muss es tun. Für dich. Für Orte ist es schwieriger ihre Geschichten weiterzugeben.

Dieser Ort ist sehr alt. Uralt. Seine Geschichte besteht aus vielen Schichten. Sie sind miteinander verbunden, sie beeinflussen einander und bleiben lebendig, stehen mit uns in Kontakt durch direkte Kraftlinien.

Du stehst mit dem ältesten Gesicht dieser Erhebung in Verbindung, mit dem Ursprung dessen, was man heute Danielsberg nennt. Seine Vergangenheit ist lebendig.

 

Da gab es eine kleine Siedlung unter diesem Berg und viele andere im Tal rundherum in der Goldenen Zeit, als die Welt noch eine Einheit war. Die Menschen dort verehrten den Gott der Sonne und der Lebenszeit, den Herrscher über den Himmel, den Herrn des Donners. Seine Gefährtin, die Urschöpferin, war die Große Mutter. Man vertraute auf ihre Liebe Sie ließ heiliges Lebenswasser aus dem Inneren des Berges fließen, das alles zum Leben erweckte.

Frauen und Männer waren damals gleichberechtigt, und die Macht war gerecht unter ihnen aufgeteilt. Es gab sowohl männliche als auch weibliche Priester, die dem Herrscher über Himmel und der Großen Mutter dienten. Sie ließen auf der Spitze des Felsens ein Heiligtum für den Sonnengott errichten und auf dem Gelände des heutigen Carnut Hofes einen Feuertempel, der Göttin zu Ehren. 

Dort bewahrten die Menschen die Goldene Zeit. Bis der Neid alles zerstörte. Zwei Geschwister waren die höchsten Priester der Großen Mutter. Der ältere Bruder, der sich mit seiner Familie auf die Ebene der Bergspitze zurückzog, kam irgendwann zu der Überzeugung, dass er als Priester des Herrschers des Himmels mächtiger sein sollte als seine Schwester, die Priesterin der Großen Mutter. Er wurde zu ihrem Feind, und somit auch zum Feind der Leben spendenden Göttin. Als er Pläne schmiedete, ihren geheimen Schatz zu stehlen, wusste sie natürlich von seinen Absichten und verschwand mit dem Kleinod. So riss sie sich die Kette vom Hals, die die geheime Macht enthielt, und warf sie auf den Grund des versteckten Sees tief im Berg. Die Große Mutter verließ unsere Welt, denn sie  wusste, dass sich die Goldene Zeit ihrem Ende näherte und dass eine Zeit der Rivalität folgen würde, in der die Menschen das Wissen der Göttin vergessen würden.  Unter dem Tempel über dem unterirdischen See aber verblieb ein geschützter Platz. Aus diesem Grund birgt der Carnut Hof das höchste Potential für die Heilung. Über Jahrtausende übt er auch heute eine starke Anziehungskraft auf die Menschen aus, weil es ihnen hier leichter fällt, die endgültige Entscheidung zu treffen, ob sie geheilt und transformiert werden wollen, oder ob sie sich den Dämonen, die in diesem Gebiet noch immer aktiv sind, vollständig ausliefern wollen. Das Plateau, wo einst der gewalttätige Bruder hauste, hat in der Geschichte viel Schmerz gesehen seit der Goldenen Zeit. Sehr oft fügten dort Menschen anderen Menschen Schmerz zu, weil sie Angst hatten. Das ist das Gesetz. Je mehr ein Mensch andere verletzt, desto größer ist die Angst, die er im Innern empfindet. Angst entsteht vor allem dann, wenn man seine Selbstbestimmung aufgibt.

Das hast du nie freiwillig getan, aber du tatest es auch, wenn du verletzt wurdest.

 

Andere Menschen, andere Stämme besiedelten das Tal und ließen sich auch am Fuße des Berges nieder. An der Spitze der Erhebung stellten sie Steine auf, um den Gang der Sonne und der Sterne zu messen, und sie gaben den Winden, dem Fluss und der Quelle Namen. Sie umfriedeten die Siedlung und beteten zu Göttern, die für alle Menschen da sind, das Licht der Sonne und das Dunkel der Nacht. Die Priesterinnen der Göttin saßen wieder in Friedensräten, und die Große Mutter herrschte weiter über die beiden Tore des Lebens, Geburt und Tod. Im Sommer zündeten die Menschen Feuer an der Kuppe des Berges, um die Sonne zu feiern, Freudenfeuer, die alles Böse unter dem Heiligtum tilgten. Pfade aus allen vier Himmelsrichtungen führten zu den beiden Kultstätten. Die Priesterinnen heilten die Kranken, errieten die Gedanken der Menschen und sprachen miteinander ohne Worte. Von diesen Priesterinnen stammst du ab.

Die Neu-Ankommenden unten im Tal hatten viele Namen: Kelten, Römer, Slawen… Auch die Römer bauten ihr Heiligtum am Berg. Nach den Römern kamen die Slawen, die noch treu der Großen Mutter huldigten, nach ihnen die Bajuwaren. Mit ihnen das Christentum. Die christlichen Missionare taten alles, um die Spuren des heidnischen Glaubens zu verwischen. Für die Menschen im Tal bedeutete dies einen großen Umbruch. Sie mussten sie sich von ihren alten Göttern lossagen und durften nur noch zu dem einen, dem christlichen Gott beten. Die Slawen, die dem Tal die Orts- und Flurnamen gaben endend auf – itz, -ach), verehrten die alten Götter und ihre heiligen Stätten am Berg immer noch im Geheimen und wollten von ihnen nicht lassen. Es gibt einige Hinweise darauf, dass an diesem Ort einst das zentrale Heiligtum der Slawen lag.  Die bayrischen Priester zerstörten die beiden Kultstätten und verwandten die Steine des alten Heiligtums zum Bau ihrer Kirche am Danielsberg.

Nichts stirbt je ganz. Alles wird wiedergeboren, in einer anderen Zeit, unter anderem Namen und in anderer Gestalt. Das alte Fühlen, das Wissen, blieb bestehen, wurde über Jahrhunderte hinweg von den Ahnen auf eine sorgsam ausgewählte Tochter im Tal weitergegeben.

Die Neuankömmlinge schätzten die Botschaft der Ahnen nicht. Doch für jede neue Generation erschuf die Göttin eine Frau mit lichten Gefühlen, die fähig war, ein mächtiges Umfeld der Liebe zu schaffen und zu halten, so dass sie die Seelen positiv beeinflussen und Körper heilen konnte. So bestand das Geschlecht der Priesterinnen all die Zeiten hindurch fort, ohne seine Gesinnung und seine ursprüngliche Verbindung zur Großen Mutter aufzugeben.

Du hörtest sie, als ihre lauten Rufe zu dir drangen. Nur noch wenige besitzen diese Gabe.

Durch den Danielsberg geht seit Jahrtausenden immer noch ein scharf ausgeprägter Dualismus von Gut und Böse hindurch. Doch die Einteilung von Menschen gemachten Kategorien, die ist grundsätzlich schlecht, wenn man gemeinsam etwas Bleibendes erreichen will.

 Ich habe dir von dem Urschmerz erzählt, der unweit von deinem Hof aus der Eifersucht geboren wurde. Ich habe dir von einigen bekannten Stämmen erzählt, die später in das Mölltal kamen und die Dämonen vergangenen Leids aufnahmen und dadurch den Schmerz vervielfachten, während sie gleichzeitig verzweifelt auf der Suche nach Heilung waren. Ihre Erfahrungen sind Teil eines immer noch andauernden Prozesses, der am Danielsberg vonstattengeht. Und deines Erbes, des Auftrags der Großen Mutter, die über ihren machtvollen Schatz - den Frieden, Weisheit und Harmonie am Berg und in dir wacht.

Vieles von diesem Wissen wurde einst von der Großen Mutter absichtlich für dich dort gespeichert.

Das Wissen darüber wird die Auswirkungen dieser langen zurückliegenden Ereignisse verändern, Ereignisse, die die Menschen am Berg, immer noch beeinflussen. 

Der Berg darf nie kommerziell genutzt werden! Es ist immer noch ein Heiligtum, vor allem der Teil, auf dem du lebst.

Ich hatte das Privileg, dich, eine starke, Frau kennen zu lernen, die am Danielsberg daran arbeitet, das Leid bewusst zu heilen, um durch ihr Tun das Feuer der Großen Muttergöttin lebendig zu erhalten. Am Ort deines Hofes stand einmal eine Kultstätte, die als Tor zu anderen Räumen diente, wo viel Leid transformiert wurde. Sie war mit großer Macht ausgestattet und eingeführt in das uralte Wissen der Ahnen.  Das ist deine Esse, deine Heimat. Du hast ihre Schönheit aufbewahrt.

Du bist am Danielsberg Teil der Arbeit geworden, die hier seit Urzeiten geleistet wird. Du bist in beiden Wirklichkeiten fest verankert. In  der Zukunft warten noch weitere wichtige Aufgaben auf dich. Lass niemals zu, dass dich irgendjemand mit seinen Zweifel zerstöhrt!

Du bist ein ganz besonderer Mensch. Du führst ein ungewöhnliches Leben und man weiß nie, wann du dich zeigen wirst.